Autismus-Spektrum-Störung (ASS): Symptome & Diagnose
Die Autismus-Spektrum-Störung (ASS) ist eine tiefgreifende neurologische Entwicklungsstörung, die die Art und Weise beeinflusst, wie Menschen mit ihrer Umwelt interagieren, kommunizieren und Informationen verarbeiten. Da es sich um ein Spektrum handelt, variieren die Ausprägungen erheblich – von hohem Unterstützungsbedarf bis hin zu einer unauffälligen, oft hochbegabten Lebensführung.
Die Abkehr von alten Kategorien
Mit der Einführung der ICD-11 wurden die früher getrennten Diagnosen wie frühkindlicher Autismus, Asperger-Syndrom und atypischer Autismus unter dem Oberbegriff der Autismus-Spektrum-Störung zusammengefasst. Dies trägt der Erkenntnis Rechnung, dass die Übergänge fließend sind.
Kernsymptome: Woran erkennt man Autismus?
Die klinische Diagnostik konzentriert sich heute primär auf zwei Hauptbereiche (Dyade der Beeinträchtigungen):
- Soziale Kommunikation & Interaktion: Schwierigkeiten bei Small Talk, Probleme beim Deuten von Mimik/Gestik und Herausforderungen im Aufbau von Beziehungen.
- Repetitive Verhaltensmuster & Spezialinteressen: Ein starkes Bedürfnis nach Routine, intensive Beschäftigung mit Nischenthemen oder sensorische Über- bzw. Unterempfindlichkeiten.
Die klinisch-psychologische Austestung: Ein Fahrplan
Eine seriöse Diagnose kann nicht „zwischen Tür und Angel“ gestellt werden. Sie erfordert eine multidisziplinäre Herangehensweise. Für eine valide klinische Austestung sind folgende Schritte unerlässlich:
- Anamnese & Fremdanamnese: Exploration der frühkindlichen Entwicklung (oft unter Einbeziehung der Eltern).
- ADOS-2 (Diagnostic Observation Schedule): Der Goldstandard der Verhaltensbeobachtung in einer standardisierten Spiel- oder Gesprächssituation.
- ADI-R (Autism Diagnostic Interview-Revised): Ein strukturiertes Interview, das tief in die Entwicklungsgeschichte blickt.
- Kognitive Leistungsprofile: Erstellung eines IQ-Profils zur Identifikation von Stärken-Schwächen-Profilen (z.B. Inselbegabungen vs. Verarbeitungsgeschwindigkeit).
- Differentialdiagnostik: Ausschluss von ADHS, sozialen Angststörungen oder selektivem Mutismus.
„Autismus ist keine Krankheit, die man heilt, sondern eine Seinsweise, die man verstehen muss. Eine korrekte Diagnose ist der erste Schritt zu einem barrierefreien Selbstbild.“
Ursachen: Genetik vs. Umwelt
Aktuelle Studien zeigen, dass Autismus zu etwa 80% genetisch bedingt ist. Es gibt hunderte Genvarianten, die im Zusammenspiel die Gehirnarchitektur beeinflussen. Bildgebende Verfahren belegen eine veränderte neuronale Vernetzung: Während lokale Verbindungen oft sehr stark ausgeprägt sind (Detailfokus), ist die globale Vernetzung zwischen verschiedenen Hirnarealen (Kontextverständnis) oft reduziert.
Therapie und Unterstützung
Unterstützung sollte immer individuell ansetzen. Bewährte Methoden sind:
- Verhaltenstherapie (VT): Training sozialer Kompetenzen und Bewältigungsstrategien für den Alltag.
- Ergotherapie: Fokus auf sensorische Integration und Selbstständigkeit.
- Autismus-spezifische Beratung: Psychoedukation für Angehörige und Umfeld.
Häufig gestellte Fragen zu Autismus
Wann ist eine Autismus-Abklärung im Erwachsenenalter sinnvoll?
Eine diagnostische Abklärung ist ratsam, wenn Sie sich in sozialen Situationen oft „fremd“ fühlen, soziale Regeln mühsam kognitiv erlernen mussten (Masking) oder unter einer chronischen sensorischen Überreizung leiden. Oft sind es wiederkehrende Erschöpfungszustände, Schwierigkeiten in der beruflichen Kommunikation oder das Gefühl, trotz hoher Intelligenz an alltäglichen sozialen Interaktionen zu scheitern, die den Anstoß für eine klinisch-psychologische Untersuchung geben.
Können Autisten Emotionen fühlen?
Ja, absolut. Autistische Menschen fühlen oft sogar sehr intensiv. Die Schwierigkeit liegt meist nicht im Fühlen, sondern im Erkennen und Ausdruck von Emotionen nach neurotypischen Standards (Alexithymie).
Gibt es Autismus-Medikamente?
Es gibt keine explizite Medikament gegen Autismus. Medikamente können jedoch bei Begleitsymptomen wie Schlafstörungen, Angstzuständen oder starker Impulsivität unterstützend eingesetzt werden.
Was ist Neurodiversität?
Das Konzept der Neurodiversität betrachtet Autismus als natürliche biologische Variation der menschlichen Spezies, vergleichbar mit unterschiedlichen Betriebssystemen eines Computers.


