Neurodivergenz verstehen: Ein neuer Blick auf ADHS, Autismus und Co.
Der Begriff Neurodivergenz hat die psychologische Landschaft revolutioniert. Weg vom rein defizitorientierten Blickwinkel, hin zur Anerkennung neurologischer Vielfalt. Doch was bedeutet es eigentlich, neurodivergent zu sein? Kurz gesagt: Es beschreibt Menschen, deren Gehirne Informationen anders verarbeiten, als es die gesellschaftlich definierte "Norm" (Neurotypizität) erwartet.
Das Konzept der Neurodiversität
Neurodiversität ist ein biologisches Faktum – genau wie die Biodiversität in der Natur. Sie besagt, dass Unterschiede in der Gehirnfunktion (wie Autismus, ADHS oder Legasthenie) natürliche Variationen des menschlichen Genoms sind. In der klinischen Psychologie hilft uns dieses Modell, Stärken zu fördern, statt nur Symptome zu "reparieren".
Welche Diagnosen fallen unter Neurodivergenz?
Neurodivergenz ist ein Schirmbegriff (Umbrella Term). Die häufigsten Ausprägungen, die wir in der klinischen Praxis im Rahmen einer Austestung untersuchen, sind:
- Autismus-Spektrum-Störungen (ASS): Besonderheiten in sozialer Interaktion und Wahrnehmungsverarbeitung.
- ADHS & ADS: Varianten der Aufmerksamkeitssteuerung, Impulskontrolle und Hyperfokus-Fähigkeit.
- Dyskalkulie & Legasthenie: Spezifische Unterschiede in der Verarbeitung von Zahlen und Schrift.
- Hochbegabung: Eine kognitive neurobiologische Variante, die oft mit erhöhter Sensibilität einhergeht.
- Tourette-Syndrom & Tics: Neurologisch bedingte motorische oder vokale Äußerungen.
Warum ist eine klinische Differenzierung so wichtig?
Ein zentrales Problem in der Diagnostik ist die hohe Rate an Komorbiditäten. Das bedeutet: Neurodivergenzen treten selten allein auf. Viele Autisten haben zusätzlich ADHS-Züge (AuDHS), oder hochbegabte Menschen leiden unter einer unerkannten sensorischen Verarbeitungsstörung.
Eine professionelle klinisch-psychologische Austestung setzt genau hier an. Wir schauen nicht nur auf eine mögliche Diagnose, sondern erstellen ein neurokognitives Gesamtprofil. Nur so lassen sich Fragen klären wie: "Ist meine Konzentrationsschwäche ein Symptom von ADHS oder eine Folge einer autistischen Reizüberflutung?"
„Neurodivergenz ist kein Defizit, das korrigiert werden muss, sondern eine Identität, die ein passendes Umfeld benötigt.“
Diagnostik-Schwerpunkte bei Neurodivergenz
In unserer Praxis legen wir bei der Austestung besonderen Wert auf:
- Ganzheitlichkeit: Wir testen nicht nur isoliert auf eine Störung, sondern betrachten das gesamte kognitive Spektrum.
- Ressourcenorientierung: Wo liegen Ihre Stärken? (z.B. Hyperfokus, Detailgenauigkeit, kreatives Denken).
- Lebenswelt-Analyse: Wie wirkt sich Ihre Neurodivergenz auf Beruf und Partnerschaft aus?
FAQ: Alles Wissenswerte zu Neurodivergenz
Was ist der Unterschied zwischen neurodivergent und neurotypisch?
Neurotypisch bezeichnet Menschen, deren Gehirnentwicklung der gesellschaftlichen Norm entspricht. Neurodivergent sind Menschen, deren neurologische Pfade davon abweichen.
Ist Neurodivergenz eine Behinderung?
Das hängt vom Modell ab. Nach dem sozialen Modell der Behinderung entsteht die Einschränkung erst durch ein Umfeld, das nicht auf neurodivergente Bedürfnisse (z.B. Ruhe, klare Kommunikation) ausgelegt ist.
Kann man im Erwachsenenalter noch neurodivergent werden?
Nein. Man wird neurodivergent geboren. Viele Menschen entdecken es jedoch erst im Erwachsenenalter, wenn die Kompensationsstrategien nicht mehr ausreichen (z.B. bei erhöhtem Stress im Job).
Wie hängen Neurodivergenz und Hochbegabung zusammen?
Hochbegabung ist eine Form der Neurodivergenz. Oft tritt sie gemeinsam mit anderen Merkmalen wie Synästhesie oder sensorischer Überempfindlichkeit auf.


